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Das Diätduell

Die Aufgabe: BIKINIFIGUR IN ZEHN TAGEN. Zwei AMICA-Redakteurinnen treten an zur Sommerolympiade in der Disziplin Gewichtstraining - Schuften mit dem Personal Trainer gegen Fasten mit der Kohlsuppendiät

AMICA 08/2000


Illustrationen: Dieter Braun

KOHLSUPPENDIÄT

Sport ist Mord, findet Meike Winnemuth, Essen strengt jedenfalls nicht an, wenig essen also noch weniger. Sie testet die neueste superschädliche Crash-Diät: die Kohlsuppenkur

1. TAG
69,6 Kilo. Bin ungefähr fünf Nanosekunden davon entfernt, meine persönliche Schallmauer von 70 Kilo (bei 1,83 Meter) zu durchbrechen. Nicht gut. Gar nicht gut. Verzweifelte Situationen erfordern drastische Ma8nahmen, und drastischer als die Kohlsuppendiät geht's nimmer. Die kursiert schon seit ein paar Monaten unter dem Tarnnamen "Magic Soup" im Internet und hat es sogar in die amerikanische "Vogue" geschafft als Crash-Diät du jour, Geheimwaffe gegen Fett, Lieblingsdiät aller Models blablabla. Sie besteht im Wesentlichen aus Kohlsuppe morgens, Kohlsuppe mittags und Kohlsuppe abends plus ein paar von Tag zu Tag wechselnden zusätzlich erlaubten Lebensmitteln. Mit anderen Worten: das Grauen pur. Entspricht also völlig meinem masochistischen Naturell. Und wenn's schee macht ... Die Lust auf Essen endet schon beim Kochen: ein Kohlkopf, 6 Zwiebeln, 6 Möhren, 2 Paprikaschoten, Stangensellerie und eine Dose Tomaten, Gewürze nach Belieben, Wasser drauf, Brühwürfel rein, eine Stunde köcheln lassen - und das alles um sieben Uhr morgens. Davon darf man so viel essen, wie man will. Problem ist nur: Wer will schon ? Ausserdem sind jeden Tag bestimmte zusätzliche Lebensmittel erlaubt. Heute Obst, alles ausser Bananen. Easy: Mango zum Frühstück, Orangensaft zum Mittag. Gegen 15 Uhr zwinge ich mich endlich dazu, die Thermoskanne mit der Suppe zu öffnen. Eine Kollegin, die gerade in mein Büro kommen wollte, dreht auf dem Absatz um. "Iih, wie riecht das denn hier?" Hm. Das könnte anstrengend werden. Die Suppe schmeckt eigentlich okay. Wie Wasser mit Gemüse halt schmeckt. Mit etwas Parmesan (verboten!), einem Schuss Olivenöl (undenkbar!) und einer doppelten Portion Selbstbetrug könnte man sich einreden, es wäre eine Minestrone. Trotzdem habe ich schlechte Laune. Abends zwei Birnen und noch mehr Suppe. Gehe um 10 Uhr ins Bett, nur raus aus dieser Welt. Draussen klingelt der Eiswagen. Ich ziehe mir die Decke über die Ohren.

2. TAG
70g. Ein Pfund zugenommen! Zum Kotzen. Ich fühle mich wackelig auf den Beinen und gähne alle Leute an. Heute ist zusätzlich grünes Gemüse erlaubt, plus eine Kartoffel mit Butter. Werde die grösste Kartoffel auftreiben, die die Stadt zu bieten hat. Mittags Suppe. Vor meinem Zimmer versammelt sich eine Protestdelegation von Kollegen, alle mit zugehaltener Nase. Aus Rache esse ich den ganzen Tag grüne Erbsen frisch aus der Schale. Zusammen mit dem Kohl dürfte das einen schönen Effekt ergeben. Abends grüner Spargel gedämpft, mit Knoblauch und Balsamico-Essig. Gar nicht übel, rede ich mir ein.

3. TAG
68,8. Fast drei Pfund weniger als gestern! Ha ha HA ha! Heute ist Obst- und Gemüse-Tag. Ananas zum Frühstück Später leichte Hysterie im Hirn: Ich habe das irritierende Bedürfnis, über den Bürogang zu rennen, bin aber nach zehn Metern ausser Atem. Mittags erstmals wieder unter Leuten. Man legt mir nahe, die nächsten Tage lieber für mich zu bleiben: Die Suppe kommt mir aus allen Poren, angeblich rieche ich (ich zitiere widerwillig) wie ein Furz auf zwei Beinen. Antje dagegen läuft mit rosigen Backen elastisch über den Gang. Nachmittags kommt ihr quadratischer Trainer zum Turnen, alle Mädchen der Redaktion stehen kichernd um ihn herum. Die Welt ist ungerecht: Antje hat den Neid, ich das Mitleid, sie den Trainer, ich die Suppe. Abends koche ich mir einen neuen Fünf-Liter- Topf. Versuche, mit Koriander, Zitronengras und Ingwer was Asiatisches draus zu machen. Sinnlos: Kohl bleibt Kohl bleibt Kohl.

4. TAG
68,8. Nicht ein Gramm weniger als gestern. Zu schwach, um auch nur ans Essen zu denken. Stiere nur blöd den Computer an. Mittags komme ich drauf: Ich esse einfach zu wenig. Die Suppe habe ich inzwischen restlos über (obwohl sie wärmt und in der Tat ziemlich satt macht), also esse ich höchstens zwei oder drei Teller davon am Tag. Und das zusätzlich erlaubte Essen - heute drei Bananen und Magermilch - habe ich schlicht verschusselt zu besorgen. Nachmittags um zwei dann die erste Banane. Mir wird fast übel von der Süsse. Dafür dann mal ein anderer Kommentar von den Kollegen: Iiiih, du trinkst Milch?! Ja, iiih, tue ich. Habe ich zuletzt vor 25 Jahren gemacht. Jetzt weiss ich auch, warum ich es all die Jahre gelassen habe.

5. TAG
68,2. Sieh da, es geht zur Abwechslung mal wieder bergab. Wenn ich eine Aktie wäre, würde man meinen Kurs volatil nennen. Allmählich gewöhne ich mich daran, jeden Morgen mit meinem Henkelmann voll Suppe zur Arbeit zu gehen. Hat was von arbeitender Bevölkerung, circa 1923. Jedenfalls bin ich endlich etwas stabiler auf den Beinen. Fast gut gelaunt. Das Hirn funktioniert wieder. Heute ist Huhn oder Fisch plus sechs Tomaten erlaubt. Ich esse ein gigantisches gegrilltes Tunfischsteak. Danach brabbel' ich alle Leute voll: Durch das ungewohnte Eiweiss bin ich wie auf Speed.

6. TAG
67,4. D-Day: Tante Hildegards goldene Hochzeit. Und zwar in einem Landstrich, der die Schlachtplatte erfunden hat. Und den Schmandkuchen. Und das kalte Buffet gleich mit. Kein Problem: Steak und Salat sind erlaubt, die Suppe habe ich allerdings aus Rücksicht auf das Jubelpaar zu Hause gelassen. Alkohol ist allerstrengstens verboten, und zum Erstaunen der gesamten Verwandtschaft halte ich mich sogar daran. War trotzdem lustig. Für die anderen.

7. TAG
Gucke in lauter verkaterte Gesichter und fühle mich zum ersten Mal prächtig. Heute ist der letzte Tag der Originaldiät. Suppe, brauner Reis und Gemüse - es kommt mir fast zu viel vor.

8.-10. TAG
Eigentlich müsste ich jetzt den 7-Tage-Zyklus wieder von vorn beginnen, aber die letzten Tage esse ich weiter die Suppe und sonst das, worauf ich Lust habe: hauptsächlich Obst und Reis. Inzwischen ist mir auch klar, wie diese Diät funktioniert: Ballaststoffe ohne Ende für die Sättigung und praktisch kein Fett. Kohl ist kaliumreich und entwässert, Banane und Milch auch, Reis und Eiweiss erst recht. Dass ich jetzt wieder in meine Testjeans passe, die seit Jahren zusammengeknüllt ganz hinten, ganz unten im Kleiderschrank liegt, hat wahrscheinlich hauptsächlich mit Wasserverlust zu tun. Mein Endergebnis: 66,2. Dreieinhalb Kilo weniger. Nee, besser: sieben Pfund in zehn Tagen. Ein Schwachsinn natürlich. Trotzdem kriege ich irgendwie das breite Grinsen nicht aus meinem Gesicht. Aber noch mal so was? Im Leben nicht.

PERSONAL TRAINER

Hungern macht schlechte Laune, meint Antje Liebsch. Sie will lieber Kilometer statt Kalorien zählen und buchte einen Personal Trainer für die Fettverbrennung mit Endorphingarantie

1. TAG
Mein Bäcker um die Ecke macht die leckersten Schokocroissants. Was kann ich dafür, dass ich nicht an ihm vorbeigehen kann? Dass ich ein paar Kilo weniger vertragen kann, meinte letztens selbst meine Mutter. Gut, der Winterspeck muss weg. Nur wie? Diäten scheitern an meinem Bäcker. Bleibt eigentlich nur Sport. Ich führe ein erstes Telefonat mit Dirk, meinem zukünftigen Trainer. Wir werden an den Problemzonen arbeiten, sagt er. Dafür muss ich täglich eine Stunde walken (Fett ist wie Diesel, verbrennt bei geringer Belastung am besten) und eine weitere Stunde meine Muskeln straffen. Was? Zwei Stunden an jedem Tag? Täglich zwei Stunden? Niemals. Ich brauche Turnschuhe. Im Sportgeschäft höre ich mir fachmännische Monologe an, verstehe nichts und nehme die teuersten. Abends stehen Dirk und Annette vor meiner Tür. Wollen die jetzt etwa beide mit mir walken? Er ist der Muskelspezialist, sie die Laufexpertin, erklären sie. Ich werde ausgemessen, gewogen, bewegt und berechnet. Einige Muskeln sind verkürzt, der Blutdruck ist zu niedrig. Der Body Mass Index ist normal, nicht optimal. Fettanteil bei 23,1 Prozent (normal bis gut). Ich soll gesund und ausreichend essen (2800 Kalorien!), viel schlafen. Kein Alkohol. Das Training fängt erst morgen an. Vor der Arbeit wird Annette mit mir walken, Dirk kommt zum Muskeltraining am Nachmittag ins Büro. Liege schlapp auf dem Sofa und trinke noch ein Glas Wein. Nur so, zur Beruhigung.

2. TAG
6.30 Uhr. Schäle mich schlecht gelaunt aus dem Bett. Annette holt mich ab zum Walken um die Alster. Ich gucke grimmig und gähne demonstrativ. Nützt nichts. Ein Pulsmesser wird mir um die Brust geschnallt, der meinen Herzschlag auf ihrer Uhr anzeigt. Ich walke an einer elektronischen Leine. Wie ein Dackel neben dem Terrier. Jogger rennen geschmeidig an uns vorbei, werfen Annette interessierte und mir mitleidige Blicke zu. Ich jammere, schwitze, der innere Schweinehund lärmt. Komme mit rotem Kopf ans Ziel. 59 Minuten auf 7,5 Kilometern. Gut, dass ich vorher nicht wusste, wie weit es war. Habe plötzlich Bärenhunger. Schlinge auf dem Weg ins Büro zwei Schokocroissants herunter. Nachmittags ruft Dirk an. Weil die Sonne so schön scheint, will er mit mir in den Park. Ich liege auf roter Matte unter grünen Bäumen und arbeite an straffen Beinen und knackigem Po. Dirk fragt, was ich gegessen habe und guckt streng, als ich die Wahrheit sage. Schuldbewusst fülle ich abends meinen Kühlschrank mit Quark, Haferflocken, Bananen und Vollkornbrot.

3. TAG
Ich entdecke riesige Blasen an meinen Füssen und klebe Berge von Pflaster drauf. Annette hat meinen Herzschlag auf ihrer Uhr. Ich muss langsamer laufen, meint sie. Mein Puls ist zu hoch. Fühle mich wie eine Kranke mit Pflegerin. Annette ist stolz auf mich, weil ich trotz allem 30 Sekunden schneller war als gestern. Dirk kommt nachmittags ins Büro. Frauen stecken wie auf Kommando ihre Köpfe aus ihren Türen raus. Fehlt nur noch die Coca-Cola-Kiste auf seiner Schulter. Alle wollen beim Training zuschauen. Ich schiebe Dirk in ein leer stehendes Zimmer und schliesse schnell die Tür. Ich drängle, will keine Zeit verlieren, denn heute sind meine Bauchmuskeln dran. Trotz Ehrgeiz bin ich schnell schlapp. Es braucht alles seine Zeit, meint Dirk. Er packt seine Sachen und geht mit federndem Schritt zum nächsten Kunden. Die Kolleginnen wollen wissen, wann ich morgen Training habe. Woher nur das plötzliche Interesse?

4. TAG
Ich habe meine schlabbrigen T-Shirts satt und krame nach einem engeren Teil. Kurz vor dem Training ziehe ich mich in der Bürotoilette um und komme mir ziemlich lächerlich vor, als ich im rosa Top den Flur entlanglaufe. Heute möchte ich wieder Bauchübungen machen. Dirk bremst meinen Enthusiasmus (Muskeln brauchen 48 Stunden zur Regeneration, erklärt er) und schlägt die Straffung der Armmuskeln vor. Schlabbern meine Oberarme so? Leicht beleidigt füge ich mich. Seine gute Laune bringt mich auf die Palme. Kämpfe wütend mit den Therabändern und sitze eine Stunde später mit schweren Armen am Schreibtisch.

7. TAG
Der Regen klatscht an die Scheiben. Mir ist so wohlig unter meiner Decke. Es klingelt. Gut, ich stehe schon auf. Schleiche um die Alster, schwitze unter meiner Regenjacke, die Füsse kleben am Boden, die Beine werden schwerer mit jedem Schritt. Annette gibt ihr Bestes. Vergebens. Was ist nur mit mir los? Dirk zeigt Verständnis. Wir machen heute die softe Nummer, verspricht er. Und mein Bauch sei schon viel straffer. Drehe mich zu Hause vorm Spiegel. Es stimmt.

8. TAG
Ich ertappe mich beim Singen unter der Dusche. Was ist los? Das tägliche Sportprogramm scheint zu wirken. Ich schlafe gut, bin nicht erst mittags wach, esse Müsli, als ob es Schokolade wäre, unter der Jeans zeichnen sich straffere Oberschenkel ab. Am Abend gehe ich gut gelaunt zu einer Party. Nippe am Mineralwasser und halte einen Vortrag über die Vorzüge eines Personal Trainers, fettarmer Ernährung und koordinierten Muskelaufbaus. Anwesende Frauen stochern genervt in ihrem Nudelsalat. Männer senden bewundernde Blicke aus sicherer Distanz. Ich verlasse die Ansammlung von Warmduschern. Muss sowieso früh ins Bett.

9. TAG
Heute werde ich skaten lernen. Am Händchen mache ich die ersten Schritte, will alleine laufen, wackle, eiere und falle doch nicht. Weil ich so brav war, bekomme ich eine Massage. Frage mich danach, ob Madonna vielleicht deshalb den Wirkungskreis ihres Trainers aufs Bett ausdehnte. Treffe mich mit Freunden. Grinse den ganzen Abend und verunsichere meine Mitmenschen mit meiner Alles-ist-in-Butter-Laune.

10. TAG
Ich fühle mich wie eine Sprinterin auf der letzten Etappe. Zwinkere den anderen Joggern zu, fühle mich eingemeindet. Am Ziel bin ich von mir selbst beeindruckt, als ich es in 57 Minuten schaffe. Zwei Minuten schneller als am ersten Tag! Am Nachmittag nerve ich Dirk: Er soll mal messen. BMI und so weiter. Zwei Kilo weniger. 2,7 Prozent weniger Fett. Selbst er ist beeindruckt. Letztes Arm- und Rückentraining. Viel zu schnell ist sie vorbei, unsere letzte Stunde. Ob ich weitermache, will er wissen. Gibt's da Zweifel? Endorphin-Junkies brauchen ihre Dosis. Vielleicht nicht täglich, aber regelmässig.

Kontakt:
Roggatz-Team, Mühlenkamp 23, 22303 Hamburg,
Tel. 0172/4513058, www.roggatz-team.de
Bundesverband Deutscher Personal Trainer, Tel. 0221/139 0940